Ich war damals noch jung und euphorisch. Wollte unbedingt mit. Das war Ende der Neunziger, und die Cebit war das Größte. Eine ganze Woche Hannover, Hallen so weit das Auge reicht – und ich mittendrin. Erst fand ich es cool. Dann war ich dabei. Und irgendwann war ich froh, nicht mehr fahren zu müssen.
Ich erinnere mich an die Männer mit den Headsets. Dünne Kabel, die wie Schmuckketten am Anzug herabhingen, ein unauffälliges Mikrofon, in das man auffällig sprach – laut genug, dass alle Umstehenden es hören konnten. Das war der letzte Schrei. Waren das Selbstgespräche? Es klang so bedeutungsschwanger, so im Vorübergehen.
Erst kommt die Erschöpfung. Nicht die dramatische, sondern die schleichende: früh raus, lange anreisen, stundenlang stehen, weit laufen, abends auf Parties, für die man irgendwie Tickets ergattert hatte – und am nächsten Morgen wieder von vorn. Nach drei Tagen steht man mental neben sich. Aufgeputscht und ausgelaugt, angefuchst, rastlos. Wie auf Drogen. Das Ventil waren die wilden Parties. Und auf diesen Parties wurde fremdgegangen ohne Ende.
Aufgeputscht und ausgelaugt, angefuchst, rastlos. Wie auf Drogen. Das Ventil waren die wilden Parties.
Das Alpha-Male-Orang-Utan-Gehabe im Anzug – das störte mich von Anfang an, aber ich konnte es lange nicht in Worte fassen. Die Vertriebler und Marketingleute waren am schlimmsten. Zu viel Testosteron, zu viel Selbstdarstellung. Es gab anständige Leute, meistens Techniker und Programmierer – integer, respektvoll, denen konnte man vertrauen. Aber die bestimmten nicht die Atmosphäre.
Dann dieser Geifer auf die Hostessen. Ich hatte mich damals gefragt, ob sie als Escort eingestellt worden waren. So wurde über sie geredet, so wurden sie behandelt – hübsches Beiwerk, das die stressige Messe angenehmer machen sollte. Und ich stand daneben und rang darum, dass jemand meine Kompetenz sah. Als eine junge Kollegin sich einer Toilettensuche angeschlossen hatte und zurückkam, sagte ein Kollege vor versammelter Mannschaft: „Hast du sie auch abgewischt?“ Keiner hat was gesagt. Alle haben sich weggeduckt. Ich hab mich stellvertretend für die Männer geschämt. Fremdgeschämt, nennt man das.
Irgendwann dachte ich: Leckt mich am Arsch. Macht euren Zirkus ohne mich.
Aber ich war enttäuscht. Ich war überzeugt, gut zu sein und etwas draufzuhaben. Und trotzdem hatte ich es nicht geschafft – oder wollte es nicht mehr. Ich war gezwungen, nach Männerregeln zu spielen. Die Techniker und Entwickler mussten es hinterher ausbaden, wenn doch nicht alles so funktioniert hat wie versprochen. Da war der Vertriebler schon über alle Berge. Das war ungerecht, und gesund ist das auch nicht. Ich habe der Branche den Rücken gekehrt.
Jetzt habe ich den Cebit-Touristen gelesen: Ein Beobachter von außen, der diesen Zirkus beschreibt – die Tretroller im Anzug, die Hostessen und die Leute, die nur auf Tasten drücken können, den Party-Wahnsinn. Er schreibt das alles beiläufig und wird am Schluss deutlicher. Aber es stimmt: Die Frauen haben das anders erlebt, die Hostessen schuften im Tagesgeschäft oder stehen unter sich, die Beobachterin im Dachrestaurant, sie schauen weg, entziehen sich, sie nehmen den Shuttle. Sie mögen die Cebit weniger als andere Messen – die Buchmesse, die Art Cologne, wo das Publikum anders ist. Mir gefiel: „Look & Feel schreibt Samsung ihnen auf den Rücken, doch bleibt man besser beim Look.“
Ich hatte sie damals nur als Randfiguren wahrgenommen. Gleichzeitig fragte ich mich, was bei der Messe von ihnen erwartet wurde. Beim Lesen werden sie plötzlich zentral. Für den Text. Für die Zeit. Bin gespannt, wann die KI-Blase platzt. Die Tretroller sind weg. Sonst hat sich nicht viel geändert.
K.
April 2026