Erschienen am 14. Februar 2001 in der Netzeitung
Viele der kalifornischen Pioniere der neuen Netzkultur haben eine blumige Vergangenheit: Als Freaks und Hippies dachten sie schon in den Sixties in den Kategorien von Netz und Community.
Vor kurzem beschrieb ein Korrespondent der „New York Times“ die Lage im Silicon Valley und New York: Die New Economy habe keinen eigenen Geschmack entwickelt und bediene sich der Stilelemente und Begriffe der Gegenkultur.
Tatsächlich hallen Echos der Gegenkultur der Sechziger durch die New Economy. Die Pioniere der Netzökonomie waren alt genug, um sich auf Hippiebands wie The Grateful Dead zu berufen. Letztere gehörten als Mitbegründer des Bulletin Board Systems „The Well“ selbst zur Netz-Avantgarde. Auch sonst mangelte es der Gründerzeit nicht an Material. Man sang das Hohelied der Netzwerke, stilisierte die Ethik der Hacker (zuletzt erschienen: „The Hacker Ethic“, Random House, New York, natürlich urheberrechtlich geschützt) und berief sich auf die Community.
Von der Community zur Zielgruppe
Selbst in der Flaute der Nasdaq elektrisierte das Stichwort Community die Experten des Internet-Marketings. Zuletzt verströmte die Napster-Community einen Hauch von Subversion. Nun hisst Microsoft offiziell die Fahne der Sechziger und tauft sein neues Betriebssystem auf den Namen „Windows XP“. Das neue Kürzel leitet sich aus „experience“ ab und verbeugt sich damit vor der Jimi Hendrix Experience. Der Hendrix-Song „Are You Experienced?“ von 1967 ist bereits für Werbespots geplant.
Die Community selbst liegt jedoch längst auf dem Seziertisch der Betriebswirtschaftslehre: Ein anderer Kunde, erfährt man heutzutage beim Online-Einkauf von „Are You Experienced?“, hat sich auch für folgenden Titel entschieden: „Electric Ladyland“ und „Band of Gypsys“. Was wohl heutzutage jene Kunden wählen, die sich 1967 das Album von Jimi Hendrix gekauft haben?
Hendrix und die Hardware
Paradox ist nicht so sehr, dass sich gerade Microsoft an einem Künstler bedient, der gegen die zwanghafte Normalität der Sozialversicherten antrat, die auf der Straße mit „Plastik-Fingern“ auf ihn zeigten. Vielmehr amüsiert der Gedanke, wie Hendrix selbst mit Hard- und Software umgegangen ist. In einer Zeit, als Lehrlingen allein schon ihrer langen Haare wegen gekündigt wurde und die Alten angesichts der „Negermusik“ die Köpfe schüttelten, zündete Hendrix in Monterey seine Gitarre an. In Woodstock wiederum verdichtete Hendrix die amerikanische Nationalhymne zu Klangszenen, die den Lärm der Hubschrauber und die Maschinengewehre aus dem Vietnamkrieg in die Hippie-Idylle trugen.
Generation Porsche
Was von dieser Ikone übrig geblieben ist, entdeckt jede Generation für sich neu. In jedem Jahr ist es ein Betriebssystem, das die ohnehin gefestigte Marktführerschaft Microsofts weiter ausbauen soll. Es ist nicht zynisch, der Software eines Quasi-Monopols das Image von Freiheit und Rebellion anheften zu wollen. Dass auch die kulturelle Revolution von damals nicht so kommerzfremd gewesen sein kann, wie sie selbst gerne glaubte, beweist eben jene historische Verbindung von der romantischen und blumengebetteten Hippiebewegung von einst zum Hyperkapitalismus der New Economy von heute. Bislang redeten deren Vorstände gerne über Ideen, jetzt sprechen immer mehr von ihnen darüber, wie sie doch noch reich werden können. Die Generation Porsche bedient die Generation Golf. In einer Reihe mit den Golfmodellen „Rolling Stones“ und „Pink Floyd“ steht nun eben auch ein Betriebssystem, das einem Musiker die Reverenz erweist, der zuweilen im Überschwang sein Instrument zertrümmerte.
Mehr in der Netzeitung:
Gates stellt Windows XP offiziell vor
14. Feb 2001 10:00
Mehr im Internet:
Die offizielle Jimi-Hendrix-Homepage
